Chemisch gestrecktes Cannabis - Warnung!

Nach unserer letzten Warnmeldung im Dezember 2020 wurde ein weiterer Anstieg positiver Fälle des synthetischen Cannabinoids MDMB-4en-PINACA beobachtet. Darüber hinaus treten Beschlagnahmungen auf, bei denen das synthetische Cannabinoid als Beimengung in Cannabisprodukten mit geringem Gehalt an Phytocannabinoiden nachgewiesen wurde. Dieser Trend scheint sich auch durch die Analytik von klinischen Proben zu bestätigen.

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Cannabiskonsum ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Über 30 % der Erwachsenen haben schon einmal in ihrem Leben Cannabis konsumiert. Bei Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren konsumieren fast 8,1 % Cannabis. Das liegt über dem Nikotinkonsum mit 7,2 % im Jahr 2019.

Cannabiskonsumenten sollten dringend über die aktuelle Gefahr informiert und beraten werden.

Mit dem Auftreten von Cannabis, welches Beimengungen von synthetischen Cannabinoiden aufweist, droht ein Paradigmenwechsel auf dem Drogenmarkt. Die EMCDDA (European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction) hat im November 2020 eine Warnmeldung herausgegeben, die darauf hinwies, dass es erste Beschlagnahmungen von Haschisch und Marihuana, aber auch E-Liquids oder präparierten Papieren gibt, in denen nur geringe Konzentrationen der Phytocannabinoide ∆9-THC und Cannabidiol nachgewiesen wurden. Dafür waren Wirkstoffe wie MDMB-4en-PINACA, 5F-MDMB-PICA oder 4-fluoro MDMB-BUTINACA nachweisbar. Hierbei handelt es sich um synthetisch hergestellte Cannabinoide, die günstig im Internet angeboten werden. So kann aus minderwertigen Cannabisprodukten ein lukratives Produkt werden.

Der Konsument wird die veränderte Zusammensetzung zunächst nicht wahrnehmen, da der beigemischte Wirkstoff die Cannabiswirkung imitiert. So ist zu vermuten, dass die Cannabiskonsumenten sich der Beimengung nicht bewusst sind. Dieses Unwissen kann lebensgefährliche Folgen haben.

Synthetische Cannabinoide wirken als Vollagonisten

Die Ursache für das Auftreten von Vergiftungen liegt in den pharmakologischen Eigenschaften der Substanz. Der eigentliche Cannabiswirkstoff ∆9-THC wirkt am Rezeptor lediglich als partieller Agonist und führt so nur zu einer begrenzten Wirkung. Cannabidiol wirkt lediglich modulierend an den Cannabinoidrezeptoren. Die synthetischen Cannabinoide wie das MDMB-4en-PINACA wirken im Gegensatz dazu als Vollagonisten und aktivieren die Signalwege in der Zelle in vollem Umfang. So können unerwünschte Nebenwirkungen wie Psychosen, z. T. mit schweren Krampfanfällen, rascher Ohnmacht, Herzrasen, Bluthochdruck oder aggressivem, gewalttätigem Verhalten auftreten. Es tritt auch ein starkes Craving (Verlangen nachzulegen) auf. Die ungleichmäßige Verteilung des Wirkstoffs in der Droge erschwert die Dosierung und erhöht zusätzlich die Gefahr von Überdosierungen. Es gibt erste Hinweise, dass auch sehr junge und unerfahrene Konsumenten diese Substanzen angeboten bekommen. Da die Substanzen noch kaum erforscht sind, gibt es auch noch keine Informationen zur Pharmakokinetik wie Eliminationshalbwertszeit.

MDMB-4en-PINACA ist ein synthetisches Cannabinoid, das seit 2017 in Europa im Umlauf ist und dessen Prävalenz seit Mitte 2019 deutlich zunimmt. Der Fachbereich Toxikologie des LADR Zentrallabors Dr. Kramer & Kollegen in Geesthacht hat im August 2019 aus einer Einrichtung eine Stoffprobe erhalten und in dieser erstmals MDMB-4en-PINACA identifiziert. Seitdem spüren wir diese Substanz routinemäßig in unseren Analysen im Urin und seit 10/2020 auch im Kapillarblut auf.

Im Jahr 2020 wurde eine steigende Anzahl an positiven Ergebnissen registriert. Im Oktober gab es eine nahezu Verdreifachung der positiven Proben.  Dieser Trend hat sich bis zum Jahresende 2020 fortgesetzt.

Abb. 1: Positive Proben für den Analyten MDMB-4en-PINACA aus Urin und Kapillarblut für den Zeitraum Januar bis Dezember 2020 (N=248)

Abb. 2: Verteilung positiver Befunde für den Analyten MDMB-4en-PINACA nach Bundesländern für den Zeitraum Januar bis Dezember, 2020​

Zusätzlich haben wir eine Auswertung der Analytik auf die klassischen Cannabiswirkstoffe aus Urin und Kapillarblut vorgenommen. In mehr als 70 % der Fälle wurden neben MDMB-4en-PINACA auch der Cannabismetabolit ∆9-THC-COOH nachgewiesen. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass herkömmliches Marihuana mit synthetischen Cannabinoiden gestreckt wurde. Hierzu gibt es auch weitere Warnungen aus Internet, z. B. Drug Checking oder Userforen.

Abb. 3: Zusätzliche Bestimmung von Cannabis in den positiven Proben für MDMB-4en-PINACA (N=110 aus dem Jahr 2020)

Abb. 4: Verteilung der Probenmaterialien mit MDMB-4en-PINACA (N=248 aus dem Jahr 2020)​

Da der Nachweis der synthetischen Cannabinoide sehr aufwendig ist, kann leider keine POCT-Diagnostik angeboten werden. Auch eine Prüfung der Drogen auf mögliche Beimengungen ist nur in wenigen diagnostischen Laboren möglich. Wir setzen zum Nachweis chromatographische Methoden mit massenspektrometrischer Detektion ein. Um mögliche neue Wirkstoffe erkennen zu können, setzen wir bei der Diagnostik im Urin ein hochauflösendes Massenspektrometer ein. Im Blut oder Kapillarblut kann jedoch auf Grund der geringeren Konzentrationen nur mittels gerichteter Tandem-Massenspektrometrie gemessen werden.

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Literatur:

  • Critical Review Report: MDMB-4en-PINACA
  • MDMB-4en-PINACA
  • Ozturk YE et al. In Vitro Phase I Metabolism of the Recently Emerged Synthetic MDMB-4en-PINACA and Its Detection in Human Urine Samples Journal of Analytical Toxicology, 2020;44:976–984
  • Krotulski AJ et al. The next generation of synthetic cannabinoids: Detection, activity, and potential toxicity of pent‐4en and but‐3en analogues including MDMB‐4en‐PINACA, Drug Test Anal 2020 Sep 30
  • Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung – Jahresbericht 2020