Chemisch gestrecktes Cannabis - Warnung!

Nach unserer letzten Warnmeldung hat sich der Trend mit einem weiteren Anstieg positiver Fälle synthetischer Cannabinoide fortgesetzt. Neben dem Wirkstoff MDMB-4en-PINACA wurde eine weitere Substanz beobachtet. Die trägt die Bezeichnung ADB-BUTINACA. Weiterhin ist auffällig, dass in vielen positiven Proben auch Phytocannabinoide aus der Hanfpflanze nachweisbar sind. Darüber hinaus treten Beschlagnahmungen auf, bei denen das synthetische Cannabinoid als Beimengung in Cannabisprodukten mit geringem Gehalt an Phytocannabinoiden nachgewiesen wurde.

Auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Daniela Ludwig warnt vor dieser gefährlichen Entwicklung auf dem Drogenmarkt. Allein im ersten Quartal 2021 wurden über 150 Kilogramm gestrecktes Cannabis bei der Einfuhr aus der Schweiz und den Niederlanden sichergestellt.

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Cannabiskonsum ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Über 30 % der Erwachsenen haben schon einmal in ihrem Leben Cannabis konsumiert. Bei Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren konsumieren fast 8,1 % Cannabis. Das liegt über dem Nikotinkonsum mit 7,2 % im Jahr 2019.

Cannabiskonsumenten sollten dringend über die aktuelle Gefahr informiert und beraten werden.

Mit dem Auftreten von Cannabis, welches Beimengungen von synthetischen Cannabinoiden aufweist, droht ein Paradigmenwechsel auf dem Drogenmarkt. Die EMCDDA (European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction) hat im November 2020 eine Warnmeldung herausgegeben, die darauf hinwies, dass es erste Beschlagnahmungen von Haschisch und Marihuana, aber auch E-Liquids oder präparierten Papieren gibt, in denen nur geringe Konzentrationen der Phytocannabinoide ∆9-THC und Cannabidiol nachgewiesen wurden. Dafür waren Wirkstoffe wie MDMB-4en-PINACA, 5F-MDMB-PICA oder 4-fluoro MDMB-BUTINACA nachweisbar. Hierbei handelt es sich um synthetisch hergestellte Cannabinoide, die günstig im Internet angeboten werden. So kann aus minderwertigen Cannabisprodukten ein lukratives Produkt werden. Im März 2021 hat die EMCDDA ihre Warnung erneuert und von 12 Todesfällen im Zusammenhang mit diesen neuen synthetischen Cannabinoiden berichtet.

Der Konsument wird die veränderte Zusammensetzung zunächst nicht wahrnehmen, da der beigemischte Wirkstoff die Cannabiswirkung imitiert. So ist zu vermuten, dass sich die Cannabiskonsumenten der Beimengung nicht bewusst sind. Dieses Unwissen kann lebensgefährliche Folgen haben.

Synthetische Cannabinoide wirken als Vollagonisten

Die Ursache für das Auftreten von Vergiftungen liegt in den pharmakologischen Eigenschaften der Substanz. Der eigentliche Cannabiswirkstoff ∆9-THC wirkt am Rezeptor lediglich als partieller Agonist und führt so nur zu einer begrenzten Wirkung. Cannabidiol wirkt lediglich modulierend an den Cannabinoidrezeptoren. Die synthetischen Cannabinoide wie das MDMB-4en-PINACA wirken im Gegensatz dazu als Vollagonisten und aktivieren die Signalwege in der Zelle in vollem Umfang. So können unerwünschte Nebenwirkungen wie Psychosen, z. T. mit schweren Krampfanfällen, rascher Ohnmacht, Herzrasen, Bluthochdruck oder aggressivem, gewalttätigem Verhalten auftreten. Es tritt auch ein starkes Craving (Verlangen nachzulegen) auf. Die ungleichmäßige Verteilung des Wirkstoffs in der Droge erschwert die Dosierung und erhöht zusätzlich die Gefahr von Überdosierungen. Es gibt erste Hinweise, dass auch sehr junge und unerfahrene Konsumenten diese Substanzen angeboten bekommen. Da die Substanzen noch kaum erforscht sind, gibt es auch noch keine Informationen zur Pharmakokinetik wie Eliminationshalbwertszeit.

MDMB-4en-PINACA ist ein synthetisches Cannabinoid, das seit 2017 in Europa im Umlauf ist und dessen Prävalenz seit Mitte 2019 deutlich zunimmt. Der Fachbereich Toxikologie des LADR Zentrallabors Dr. Kramer & Kollegen in Geesthacht hat im August 2019 aus einer Einrichtung eine Stoffprobe erhalten und in dieser erstmals MDMB-4en-PINACA identifiziert. Seitdem spüren wir diese Substanz routinemäßig in unseren Analysen im Urin und seit 10/2020 auch im Kapillarblut auf.

Im Jahr 2020 wurde eine steigende Anzahl an positiven Ergebnissen registriert. Im Oktober gab es nahezu eine Verdreifachung der positiven Proben. Dieser Trend hat sich auch im ersten Quartal 2021 fortgesetzt und zu einer Diskussion über die Aufnahme von MDMB-4en-PINACA in die Anlage II des BtMG geführt. Parallel dazu erscheint im März eine neue Substanz vermehrt in den Proben: ADB-BUTINACA. Zu dieser Substanz gibt es aktuell kaum Informationen zur Wirkung und Gefährlichkeit.

Darüber hinaus traten folgenden Substanzen mit geringer Häufigkeit (< 5 pro Monat) auf:

  • 5f-MDMB-Pica
  • 4f- MDMB-Bica
  • 5f-Cumyl-PeGaClone
  • 4f-MDMB-Binaca
  • Cumyl-BC-HpMeGaClone-221
  • CumylPeGaClone 

Abb. 1: Positive Proben auf MDMB-4en-PINACA, ADB-BUTINACA aus Urin und Kapillarblut 01/2020 bis 03/2021. Insgesamt  wurden 831 Patienten positiv auf synthetische Cannabinoide getestet, hierbei wurde 525 Mal MDMB4en gefunden. In 334 Aufträgen wurde gleichzeitig auch Cannabis bestimmt, in 264 Fällen lag ein positiver Befund vor. ADB-BUTINACA ist im März 2021 in unsere Methodik aufgenommen worden. Es wurde im März in 31 Proben gefunden.

Abb. 2: Verteilung positiver Befunde für den Analyten MDMB-4en-PINACA nach Bundesländern für den Zeitraum Januar bis Dezember, 2020​

Zusätzlich haben wir eine Auswertung der Analytik auf die klassischen Cannabiswirkstoffe aus Urin und Kapillarblut vorgenommen. In mehr als 70 % der Fälle wurde neben MDMB-4en-PINACA auch der Cannabismetabolit ∆9-THC-COOH nachgewiesen. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass herkömmliches Marihuana mit synthetischen Cannabinoiden gestreckt wurde. Hierzu gibt es auch weitere Warnungen aus dem Internet, z. B. Drug Checking oder Userforen.

Abb. 3: Zusätzliche Bestimmung von Cannabis in den positiven Proben für MDMB-4en-PINACA. In 334 Aufträgen mit einem positivem MDMB4en-Ergebnis wurde gleichzeitig auch Cannabis bestimmt, in 264 Fällen lag ein positiver Befund vor.

Abb. 4: Verteilung der Probenmaterialien mit MDMB-4en-PINACA. Von insgesamt 525 auf MDMB4en positiv getesteten Proben waren 225 Urinproben und 300 Kapillarblutproben.

Da der Nachweis der synthetischen Cannabinoide sehr aufwendig ist, kann leider keine POCT-Diagnostik angeboten werden. Auch eine Prüfung der Drogen auf mögliche Beimengungen ist nur in wenigen diagnostischen Laboren möglich. Wir setzen zum Nachweis chromatographische Methoden mit massenspektrometrischer Detektion ein. Um mögliche neue Wirkstoffe erkennen zu können, setzen wir bei der Diagnostik im Urin ein hochauflösendes Massenspektrometer ein. Im Blut oder Kapillarblut kann jedoch auf Grund der geringeren Konzentrationen nur mittels gerichteter Tandem-Massenspektrometrie gemessen werden.

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Literatur:

  • Critical Review Report: MDMB-4en-PINACA
  • MDMB-4en-PINACA
  • Ozturk YE et al. In Vitro Phase I Metabolism of the Recently Emerged Synthetic MDMB-4en-PINACA and Its Detection in Human Urine Samples Journal of Analytical Toxicology, 2020;44:976–984
  • Krotulski AJ et al. The next generation of synthetic cannabinoids: Detection, activity, and potential toxicity of pent‐4en and but‐3en analogues including MDMB‐4en‐PINACA, Drug Test Anal 2020 Sep 30
  • Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung – Jahresbericht 2020