Schmerzmittelabhängigkeit - Schmerzmittel in der Labordiagnostik

Laut einer Hochrechnung aus dem Epidemiologischen Suchtsurvey 2018 (1) haben 26 Mio. Personen in der Bevölkerung angegeben, im zurückliegenden Monat Schmerzmittel eingenommen zu haben, häufig ohne ärztliche Verordnung.

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So rangiert die Prävalenz für eine Schmerzmittelabhängigkeit mit 3,2 % noch vor dem Alkohol (3,1 %). Nicht die für Abhängigkeit bekannten Opioide stehen hier im Vordergrund, sondern die freiverkäuflichen nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) bzw. NSAID (non-steroidal anti-inflammatory drug) wie Paracetamol, Diclofenac oder Ibuprofen.

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Welche Bedeutung hat dieses gesellschaftliche Phänomen der Medikamentenabhängigkeit von Schmerzmitteln für die ärztliche Behandlung der Patienten?

Erosionen und Ulzerationen von Magen und Zwölffingerdarm, ulkusbedingte Blutung und Proliferationen oder medikamenteninduzierte Dauerkopfschmerzen treten gehäuft bei regelmäßiger Einnahme von NSAR (nichtsteroidalen Antirheumatika) auf. Betroffen sind nicht nur Sportsüchtige oder Profisportler, sondern auch ältere Menschen. Als ICD-10 Code steht für den schädlichen Gebrauch von nichtabhängigkeiterzeugenden Substanzen die Ziffer F55 zur Verfügung. Gemäß der Leitlinie „Langzeitanwendung von Opioiden bei chronischen nicht-tumorbedingten Schmerzen (LONTS) sind Schmerzpatienten insbesondere in Opioidtherapie potentielle Suchtpatienten (2).

Paracetamol für toxisches Potential bei Überdosierung gefürchtet Die Beobachtung, dass Paracetamol auch sozialen Schmerz lindert (3), scheint der Steigbügel für das Abhängigkeitspotential dieser Substanz zu sein. Insbesondere ist Paracetamol für sein toxisches Potential bei Überdosierung gefürchtet.

Einige Tausend Intoxikationen werden jährlich in Deutschland gemeldet. Wenn diese nicht rechtzeitig erkannt und behandelt werden, folgt der Zelltod mit Leberversagen. Die Zahl der 15- bis 20-Jährigen, die Tilidin verschrieben bekommen, ist laut Angaben der gesetzlichen Krankenversicherungen von 100.000 DDD (defined daily dose) in 2017 auf 3 Mio. DDD in 2019 gestiegen. Um die intravenöse Applikation zu unterbinden, wird das Opioid häufig mit den Rezeptorantagonisten Naloxon kombiniert. Das Naloxon würde dann auf Grund seiner höheren Rezeptoraffinität die Wirkung des Tilidins unterbinden. Bei der oralen Gabe hingegen wird Naloxon schlecht resorbiert und somit kaum wirksam.

Die kombinierte Einnahme von Opioiden und Alkohol kann auf Grund der synergistischen Effekte fatale Folgen haben. Neben Schwindel und Übelkeit birgt die Atemdepression das größte Risiko.

Abb. 1: WHO Stufenschema zur Schmerztherapie

Labordiagnostische Untersuchung bei Verdacht auf Missbrauch von Schmerzmitteln

Der Verdacht auf Missbrauch von Schmerzmitteln kann labordiagnostisch untersucht werden. Bei Patienten in einer Behandlung mit Opioiden sollten regelmäßig Medikamentenspiegel im Blut bestimmt werden. Moderne chromatographische Verfahren können diverse Wirkstoffe in einem Analysengang nachweisen und so die schnelle Diagnose eines Beikonsums ermöglichen.

Zur Vorbeugung von medikamenteninduzierten Nebenwirkungen kann der Nachweis von NSAR (NSAIDs) im Urin erfolgen. So können die behandelnden Ärzte den Missbrauch dieser nicht verschreibungspflichtigen Wirkstoffe erkennen und mit dem Patienten alternative Therapiekonzepte besprechen. Seit 2017 ist auch die Behandlung mit Medizinalhanf (Cannabis) bei Schmerzpatienten zugelassen. Auch beim Einsatz von Medizinalhanf bieten Untersuchungen von Blutproben die Möglichkeit der Compliance- und Therapiekontrolle. Somit kann ein evidenzgeleiteter Einsatz von Schmerzmitteln den Patienten helfen, Nebenwirkungen und Suchtgefahr zu reduzieren.

Schmerzmittel im Abwasser

Die großen Mengen insbesondere der NSARs (nichtsteroidales Antirheumatikum) im Abwasser sind ein wachsendes Umweltproblem, zumal viele Wirkstoffe im Oberflächenwasser persistieren. Regelmäßiges Monitoring des Schmerzmittelspiegels erlaubt eine genauere Dosierung der benötigten Menge von Schmerzmitteln für die Therapie und könnte somit auch zur Minderung der Umweltbelastung beitragen.

Literatur:

  • 1. Atzendorf J, Rauschert C, Seitz NN, Lochbühler K, Kraus L: The use of alcohol, tobacco, illegal drugs and medicines—an estimate of consumption and substance-related disorders in Germany. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 577–84. DOI: 10.3238/ arztebl.2019.0577 2. Häuser W.
  • 2. Aktualisierung der S3 Leitlinie „Langzeitanwendungen von Opioiden bei chronischen nicht-tumorbedingten Schmerzen „LONTS“. Der Schmerz 2020; 34, in Druck
  • 3. Dewall CN, Macdonald G, Webster GD, et al. Acetaminophen reduces social pain: behavioral and neural evidence. Psychol Sci. 2010;21(7):931-937. doi:10.1177/0956797610374741

Abrechnung

Parameter Material EBM GOÄ
    Ziffer Ziffer € (1,15-fach)
Opioide Serum 32314 51,90 € 4210 60,33 €
NSAR (NSAID) Urin 32314 51,90 € 4210 60,33 €
Cannabinoide Serum 32314 51,90 € 4210 60,33 €