Liquor-Nervenflüssigkeit-Liquor cerebrospinalis

Für Untersuchungszwecke wird Liquor (Nervenflüssigkeit, Liquor cerebrospinalis) durch Punktion der Liquorräume gewonnen. Die häufigste Form der Liquorentnahme ist die Lumbalpunktion, bei der die Entnahme aus dem unteren Rückenmarkskanal erfolgt.

Weniger häufig ist die Subokzipitalpunktion (auch Zisternenpunktion genannt: Punktion der Cisterna cerebello-medullaris) und die Ventrikelpunktion (Punktion der Hirnventrikel). Nach der Punktion Liquor in mehrere (3-5) sterile Entnahmesysteme füllen.

Der Liquor sollte sofort nach der Entnahme in das Labor gesendet werden. Für zytologische Untersuchungen müssen Transportzeiten < 2 Stunden eingehalten werden. Ist eine Zwischenlagerung unvermeidbar, muss der Liquor für klinisch-chemische und virologische Untersuchungen im Kühlschrank – für bakteriologische Untersuchungen bei 37 °C – aufbewahrt werden. Für die meisten Liquoruntersuchungen wird auch ein Serumröhrchen benötigt.

Indikation

  • Entzündungen des Nervensystems; Infektionen oder Autoimmunerkrankungen
  • Neoplasien des Nervensystems (Meningeosis carcinomatosa)
  • unklare Bewusstseinsstörungen
  • neurodegenerative Erkrankungen
  • ältere Blutungen (V.a. stattgehabte Subarachnoidalblutung)

Kontraindikationen für eine Liquorpunktion sind eine intrakranielle Druckerhöhung, eine Thrombopenie, eine Gerinnungsstörung oder eine Entzündung der Haut im Areal der Punktion.

Unabhängig von der Fragestellung erfordert die z.T. begrenzte Haltbarkeit der Analyten bei der Liquordiagnostik die klare Einhaltung einer zeitlichen Reihenfolge.

Abstufung Diagnostik Fragestellung
Sofortdiagnostik Beschaffenheit, Zellzahl, Laktat, Gesamtprotein, Glucose akute Entzündung (bakteriell, viral) Blutung (SAB, ICB)
Basisdiagnostik Zelldifferenzierung Blutung? Entzündung? Tumor?
  Reiber-Schema (Albumin- und Ig-Quotienten aus Liquor und Serum) OKB (oligoklonale Banden) Intrathekale Ig-Bildung Schrankenstörung
  Gramfärbung, Kultur Erregernachweis, Antibiogramm
Spezialdiagnostik Erregerspezifische Ig, Antikörperindex, Autoantikörper Infektion / Autoimmunerkrankung
  Nachweis von ZNS-spezifischen Proteinen, Demenzmarker Neurodegenerative Erkrankungen
  PCR Mikroorganismen, Infektionserreger
  Antigennachweis Mikroorganismen, Infektionserreger
  Immunzytochemie, Tumormarker Tumor-Typisierung

Entnahme

  • Für das Sammeln der Liquorproben sollten ausschließlich Polypropylen-Röhrchen verwendet werden. Bei diesem Material werden Adhäsionseffekten zwischen Innenwand und Liquorbestandteilen weitgehend verhindert. Adhäsive Materialien wie Polystyrol würden die Messergebnisse verfälschen.
  • Es empfiehlt sich immer eine Entnahme in 3 Röhrchen. Diese können dann ohne Gefahr der Kontamination auf die verschiedenen analytischen Disziplinen verteilt werden. So sind automatisch auch die Vorgaben einer 3-Gläser-Probe bei blutigem Liquor erfüllt. Eine Nummerierung der Röhrchen ist in jedem Fall erforderlich.
  • Sollte für diagnostische Zwecke (z.B. Reiber-Schema, Erregerspezifische Antikörper-Indizes, oligoklonalen Banden) ebenfalls Serum benötigt werden, ist unbedingt auf eine zeitgleiche Entnahme beider Materialen geachtet werden (maximale Toleranz 1 Stunde).
  • Blutiger Liquor: Bei fleischwasserfarbenem oder blutigem Liquor sollte eine Entnahme in 3 Röhrchen (nummeriert in der Reihenfolge der Abnahme) erfolgen. Nimmt die Intensität ab, spricht dies für eine artifizielle Blutbeimengung. Bei gleichbleibender Intensität kommt differentialdiagnostisch eine SAB infrage.

Transport

  • Die Zellanalytik (Zellzahl und -differenzierung) sollte innerhalb von 1 – 2 Stunden erfolgen.
  • Im zellfreien Überstand sind Glucose und Laktat sind 4 °C bis zu 1 Tag stabil.
  • Für die Proteinanalytik aus dem zellfreien Überstand kann der Liquor bei 4 °C für 1 Woche aufbewahrt werden. Nach Ablauf dieser Zeit ist eine ausreichende Stabilität der meisten Analyten nicht mehr gewährleistet.
  • Falls ausschließlich Demenzmarker bestimmt werden sollen, ist bei einer längeren Transportdauer (> 1 Tag) ein Einfrieren der Liquorprobe wünschenswert.
  • Für die Bestimmung von Immunglobulinen darf die Liquorprobe nicht eingefroren werden.
  • Für die bakteriologische Diagnostik: siehe unten

Mikrobiologische Diagnostik

  • Für die mikrobiologische Diagnostik sollte eine Liquor-Probe telefonisch im Labor angekündigt werden. Ein möglichst zeitnahes Aufbringen der Probe auf Kulturplatten ist unerlässlich, um auch empfindliche Erreger nachweisen zu können. Für eine bakteriologische Untersuchung sollte der Liquor nicht gekühlt werden.
  • Für einen direkten bakteriologischen Erregernachweis (bei Meningitis, Hirn- oder Rückenmarksabszess) sollte unter streng aseptischen Bedingungen ein Extra-Röhrchen entnommen werden. Dieses sollte bis zur Anlage der bakteriologischen Kulturen verschlossen bleiben. Bei längerem Transport sollte ein Teil der Liquorprobe in eine Blutkulturflasche gegeben werden. Ein weiterer Teil sollte nativ verschickt werden.
  • Objektträgerausstriche können luftgetrocknet eingeschickt werden.
  • Symptomgeleitete Diagnostik ZNS-Erkrankungen